Yoga im Büro – ein Erfahrungsbericht

Kürzlich klopfe ich bei meinem Chef und stolpere beim Öffnen der Tür fast über eine nagelneue, kamelhaarfarbene Yogamatte. Darauf: er selbst höchstpersönlich, mit hochrotem Kopf, den Händen und Füßen auf der Matte und dem Hintern in der Luft, das Einstecktüchlein wie ein Handtuch im Kleinformat neben der Matte gefaltet. Auf einer weiteren Matte dann zu meinem grenzenlosen Erstaunen: Unsere blond-toupierte Sekretärin Ilse im pinken Kostüm auf dem Rücken liegend, die Beine fest angewinkelt und die Füße in den Händen. Ja, diesen Anblick werde ich nur sehr schwer wieder aus meinem Kopf kriegen. Überrascht und verwirrt trete ich den Rückzug an, eine Entschuldigung murmelnd. Was ist hier eigentlich passiert, während ich drei Wochen am Strand lag und Sangria getrunken habe?

Yoga ab jetzt auch bei uns im Büro

Eigentlich war das Dauerthema gerade immer noch die gute alte Ernährung. Meine gesundheitsbewussten, sportlichen Kollegen schauen ja immer ganz tadelnd, wenn ich mir eine Currywurst mit Pommes genehmige („Das hat ja wirklich gar keinen Nährwert!“), während sie Salat mit Tofu oder Grünkernbratlinge essen. Ich bin ja der Meinung, die eigene Ernährung sollte jedem selbst überlassen bleiben. Schließlich versuche ich ja auch nicht, meine vegan lebende Kollegin Isolde von einem handfesten Schnitzel zu überzeugen.  Immerhin verrät die mir in der Mittagspause, dass es in meiner Abwesenheit eine Art Yoga-Seminar gegeben hat. Das erklärt natürlich einiges! Ab jetzt wird es Yoga nämlich bei uns im Büro geben – einmal die Woche kommt eine Trainerin in der Mittagspause vorbei und alle – von der Buchhaltung bis zum Praktikanten – rollen ihre Matten aus und machen mit. Yoga soll nämlich nachweislich einen positiven Effekt auf die Gesundheit haben, am Allermeisten auf Rückenschmerzen, die ja zwischenzeitlich schon zum Volksleiden Nummer eins zählen. Auf meine Kollegen und mich trifft das voll zu – wir sitzen nämlich den ganzen Tag am Rechner und bewegen uns wirklich kaum. Aber das wird sich ja jetzt bald ändern. Langsam bekomme ich Angst.

Indian businessman doing yoga and typing on his laptop in the office at brown background

Der Tag der Wahrheit

Es ist Donnerstag. Der erste Tag, an dem auch ich beim Yoga mitmachen werden. Denn alle machen mit. Ich bin gespannt – ich bin eher unsportlich und vor allem ungelenkig, will mich aber keinesfalls blamieren. Dann geht es los. Unsere Yogalehrerin heißt Caro, ist 35 Jahre alt, beneidenswert durchtrainiert und unfassbar gut gelaunt. Von ihr erfahre ich, dass beim Yoga neben dem Gleichgewichtssinn auch Kraft und Ausdauer trainiert werden. Das wird am Ende einen positiven Effekt auf meine Schmerzen im unteren Rücken haben und meine Haltung weg vom Hohlkreuz hin zu einem geraden Rücken verbessern. Wir kommen alle auf unserer Matte an. Ganz wichtig ist es Caro, dass wir unseren Gedankenfluss zur Ruhe bringen und dass wir in jeder Hinsicht ausschließlich auf unserer Matte bleiben. Im Yoga geht es nämlich (im Gegensatz zum wirklichen (Arbeits-) Leben) nicht darum, wer der Beste und Talentierteste ist. Der Yogi soll seinen Geist vielmehr nach innen richten und sich nur um sich und nicht um die anderen kümmern. Das ist mir sehr recht, denn Isolde macht schon seit Jahren Yoga und sicher eine bessere Figur, als ich. Aber da schaue ich jetzt wunschgemäß einfach nicht mehr hin. Wir starten die Stunde mit einem Sonnengruß, einer Abfolge verschiedener Stellungen namens Hund, Kobra und Brett. Dabei gilt es, die ganze Zeit den Bauch anzuspannen und ordentlich ein- und auszuatmen. Ich fange schon an zu schwitzen. Es folgen verschiedene Übungen im Stehen, von denen ich mir nur Krieger eins und Krieger zwei gemerkt habe. Und dann noch einiges im Sitzen und Liegen. Am Ende decken wir uns zu und entspannen uns für gute zehn Minuten.

Wer seinen Horizont nicht erweitert, bleibt einfach stehen

Wow. Mein Rücken fühlt sich richtig super an. Ich glaube, so ganz dämlich habe ich mich auch gar nicht angestellt. Ich muss gestehen, es hat Spaß gemacht, sich mitten am Tag ein bisschen zu bewegen. Ich konnte richtig gut abschalten und danach ziemlich frisch und ähnlich gut gelaunt, wie Yoga-Caro, in die zweite Tageshälfte starten. Noch Tage später denke ich mir: Hätte ich als alte Kritikerin und Verweigerer von Veränderungen das nicht gezwungenermaßen ausprobieren müssen, dann wäre mir wirklich eine gute Erfahrung durch die Lappen gegangen. Das merke ich mir jetzt für alle anderen Lebenssituationen – einfach mal etwas neues ausprobieren und nicht immer nur die alten, ausgetreten Pfade bewandern. Eben habe ich mich übrigens dabei ertappt, wie ich nach einer kamelhaarfarbenen Yogamatte gegoogelt habe. Jetzt bin ich auch voll drin, im Yoga-Flow.